← Zurück zur Übersicht
Wolken, Schlachtfelder und die Definition von Sinnlosigkeit
Nachdem ich den Nebel identifiziert, als Feind betitelt und angefangen hatte ihn zu bekämpfen, schlug er zurück. Seine Komplizen, Klimaanlage und feuchtes Klima, schlichen sich heimtückisch von hinten an und rafften mich dahin.
Zuerst war es ein Schnupfen und diese lasche Vorhut bombardierte ich geübt mit den mir bekannten und zur Verfügung stehenden Mitteln. Die erste Runde ging an mich. Drei Tage später, meine Nase hatte sich soweit beruhigt, schlug die Erkältung mit allem was sie hatte zu. Vorbei waren die Spielchen. Ehe ich mich versah saß ich hustend, keuchend, mit Kopfschmerzen und frierend in meiner Vorlesung und hielt mich an meinem Stuhl fest, weil sich dieser verdammte Raum einfach nicht aufhören wollte zu drehen. Und dabei war ich gar nicht zur Ladies‘ night gewesen. Die üblichen Mittelchen wollten nicht helfen und statt den Rückzug anzutreten, machte es sich Frau Erkältung richtig bequem und stahl mir Schlaf, Kraft und Gesichtsfarbe. Leicht beunruhigt, ob diesen so gar nicht typischen Erkältungsverlaufs, machte ich mich schließlich am Ende meiner Kräfte auf den Weg zum Uni-Arzt. Diagnose: leichte Bronchitis und leichtes Fieber. Bewaffnung: 5 verschiedene Tabletten und Hustensaft. An dem Punkt war mir nichts egaler, als was ich einwarf. Hauptsache es half. Und das tat es. Zuhause angekommen (mit 4 Pausen für 6 Stockwerke) schlug das Imperium zurück, sprich: Ich warf die Chemiehämmer ein und sah genüsslich auf einer dumpfen Wolke drei Meter über dem Bett schwebend dabei zu wie Frau Erkältung elendiglich und qualvoll langsam zugrunde ging. Sobald sich die Kissen auf meinen Ohren etwas lichteten war es meistens Zeit für die nächste Portion Kampfstoff, die mich sofort wieder auf meine Wolke katapultierte und meiner Armee die Drecksarbeit überließ. Nach weiteren 3 Tagen hatte das Blutbad ein Ende. Leider hatten Frau Erkältung und ihre Bazillenarmee nicht nur Zeit, sondern auch Kraft gekostet und so war sogar der Weg RUNTER zur Straße ein Kraftakt. Und trotzdem fühlte sich Hong Kong nach einer knappen Woche im Krieg fast wieder an wie am ersten Tag. Hatte denn keiner mitbekommen, dass ich weg war? Und wollte mir wirklich keiner die Hand schütteln und auf die Schulter klopfen, weil er von meinen Heldentaten in der Zeitung gelesen hatte? Nein. Hong Kong war es egal, dass ich wieder da war. Hong Kong lief einfach weiter. Also reihte ich mich etwas quengelig in die Reihe der MTR-Sardinen ein und beglückwünschte mich eben selbst ein wenig.
Neu beflügelt und voller Elan wieder am Leben teilhaben zu können, fasste ich einen Entschluss. Carpe Diem! An dem Spruch musste doch was dran sein, oder? Warum also nicht rausfinden, was dahinter steckt.
Hong Kong! Vier Monate! Hong Kong ist es egal, was ich tue oder was ich nicht tue, also warum nicht einfach mal „out oft he box“ denken und was riskieren? Warum nicht statt über die Grenze zu winken und dran längs auf und ab zu tigern, einfach mal Anlauf nehmen und springen? Mein errungener Sieg gegen die Mächte des Bösen und ihren Bazillenarmeen hatte mich geradewegs in die Höhen des „Go for it“-Wahns getrieben. Und wo kann eine Frau, losgelassen in Hong Kong mehr riskieren als beim FRISEUR!?!?!
Gesagt, getan. Ich suchte mir einen hübschen Friseur aus und sah mich 45 Minuten, 3 Haarwäschen und 2 Kopfmassagen später einem ratlos dreinblickenden Hairdresser gegenüber, der mit der Information „I want something different… something wild.“ gepaart mit dem leicht angerauschten Funkeln in meinen Augen zunächst nicht viel anfangen konnte. Ein paar Vorschläge hier, Diskussionen, Kopfschütteln und Haargezupfe da und das Schnipp schnapp konnte losgehen. Haare fielen und fielen… und fielen und fielen…
Nachdem Edward mit den Scherenhänden mich entlassen hatte hüpfte ich, wie eine Motte vor dem Licht, in der Shopping Mall von Spiegel zu Spiegel, um mir ein Urteil zu bilden. An diesem Punkt teilte sich meine Persönlichkeit. Ein Teil, der den ich als Pia kennengelernt, jedoch niemals wirklich verstanden hatte, trat in den Hintergrund, verschränkte die Arme, legte den Kopf schief, zog eine Augenbraue hoch und kniff die Augen zusammen. Währenddessen übernahm Hong Kong Pia das Ruder. „Coole Frisur!“ war das Urteil. Dennoch blieb Raum für Kritik: „Irgendwie noch nicht ganz fertig.“ sprachs, nahm Pia an der Hand und gesellte sich zu den anderen Mädels, die eine „Wir färben uns die Haare“-Session einberufen hatten. Inge wurde rot, Ella dunkelbraun, Becca schwarz und ich hellblond… das war der Plan. Aus Rot wurde Rot, aus dunkelbraun wurde dunkelbraun, aus schwarz wurde schwarz und aus blond wurde gelb. Der erste Blick in den Spiegel zeigte Hong Kong Pia mit verzerrtem Lächeln die Augen niederschlagen und einen Schritt zu Seite treten, um Platz für Pia zu machen. Diese krempelte auch gleich die Ärmel hoch, drehte sich zu Hong Kong Pia um, gab ihr eine schallende Ohrfeige und machte sich daraufhin wortlos daran zu retten, was an Selbstbewusstsein noch zu retten war: Kommando Ladies‘ night!
Zuhause angekommen blieb mir zwar nicht viel Zeit mich fertig zu machen, aber für eine eingehende Situationsanalyse musste sie reichen. „Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste… Blödsinn! Wer ist das da im Spiegel?“ Ratlose Augen starren zurück. „Keine Ahnung. Schmink es, mach es hübsch und zeig ihm Ladies‘ night.“ Gesagt getan. Eine halbe Stunde, 2 Tonnen Make-up und ein neugekauftes Kleid später macht ich mich auf den Weg zu den anderen Mädels und versuchte mein neues Aussehen an der wartenden Welt da draußen. Hong Kong war’s egal und ich zufrieden. Das Pendel, das sich zittrig zwischen „Katastrophe – Apokalypse Now“ und einem euphorischen „sowas traut sich nicht jeder und JA es sieht gut aus“ bewegt hatte, war letztendlich zur letzteren Seite gekippt und pendelte sich dort gemütlich ein. Die Taktik: „Push das bisschen Selbstbewusstsein, dass noch da ist!“ gemixt mit der „Flucht nach vorn!“-Strategie hatten mir einen weiteren Sieg auf Hong Kongs Schlachtfeldern eingebracht. Wenn auch immer noch Quietscheentchen, hatte ich mir zumindest Kriegsbemalung erkämpft.
Das kriegsbemalte Quietscheentchen sollte auch so schnell nicht zur Ruhe kommen. Für neue Pläne war nur ein Movieabend mit Ella, ein Laptop, ein nationaler Feiertag und ein Berg Spontanität nötig. Plan: 5 Tage Philippinen mit Ella und Wendy, einer Freundin von Ella aus den USA. Gesagt, getan. Warum auch nicht? 24 Stunden nach dem ersten „Wo sind eigentlich die Philippinen genau?“-Gedanken war der Flug gebucht und zunächst kein weitere Gedanke daran verschwendet.
Stattdessen machten wir uns samstags auf den Weg zum „Big Sitting Buddha“ – 23 Meter hoch, von weitem zu sehen und angeblich der größte sitzende Buddha Asiens. Es gibt wohl größere Buddhas, aber die sitzen nicht. Erbaut vor nicht ganz 100 Jahren aus einem Grund, den wir nicht in der Lage waren herauszufinden war der Weg bis zum Buddha, den man in Gondeln zurücklegen musste und atemberaubende Aussichten über Lantau Island bot, das eigentlich Aufregende des Trips.
Sonntagabend stand dann mal wieder „Ned Kelly’s“, unsere Lieblings-Jazz bar auf dem Plan, in der wir in meinen Geburtstag hineinjazzen wollten. Ned Kelly’s ließ uns Atmosphären- und Stimmungstechnisch allerdings ziemlich im Stich und ein extrem penetranter Däne, der um zehn vor zwölf damit anfing uns seine Lebensgeschichte zu erzählen, setzte meiner angedeprimierten Stimmung die Narrenmütze auf. Um zwölf warteten meine Mädels dann mit einem kleinen Schokokuchen und Glückwünschen auf und der Däne, etwas geschockt, dass er scheinbar in meinen Geburtstag geplatzt war, beschenkte mich mit einem Ned Kelly’s T-Shirt und uns alle mit Baileys on Ice, was ihn auf meiner Skala von -200 schnurstracks auf -199 katapultierte. Er hielt sich genau einen halben Baileys lang. Dann begann er seine Geburtstagsrede, die nicht nur ausführliche Details seiner drei gescheiterten Ehen und seiner vier Kinder, sondern auch den wirklich ernst gemeinten Ratschlag enthielt zu heiraten wen man selber wirklich heiraten will. Da soll einem keiner reinreden. Wirklich! Nach ca. fünf Minuten begann ich mich zu fragen, ob der Punkt, an dem die Rede vorbei und der Ring für Konversation geöffnet worden war, schon vorbei war oder nicht, und wann es uns endlich gelingen würde den Dänen Dänen sein zu lassen und in die letzte MTR zu flüchten. Die Antwort ist uns der Däne bis heute schuldig geblieben. Nach 10 Minuten Lebensweisheiten und der anderen Hälfte Baileys packten wir unsere sieben Sachen und mein T-Shirt und flüchteten ins Sardinentaxi. Damit war für mich mein „mal wieder im Ausland“-Geburtstag abgehakt und fest eingewickelt und verschnürt in der Kiste mit der Aufschrift „na super“ verstaut. Doch bei diesem Packplan hatte ich die Rechnung ohne meine Mädels gemacht.
Am 29. abends standen die Mädels plötzlich vor meiner Tür und verbannten mich aus meinem Apartment. 10 Minuten später hatten sie Luftballons, Partymasken, Tröten, Geburtstagskuchen, Geschenke und weitere Partyaccessoirs dazu genutzt mir eine kleine, gemütliche Geburtstagparty Zuhause zu schmeißen. Vor lauter Überraschung kam ich zunächst gar nicht dazu, das Paket meines Geburtstages so schnell wie möglich aus der „na super“-Kiste in die „Jippheeeeee“-Kiste zu packen. Insgesamt gelang es den Mädels in Perfektion, das halb leere Glas meines Geburtstags ohne die Menschen, die ich an meinem Geburtstag gerne dabei gehabt hätte, in ein halb volles Glas mit Mädels, mit denen mein Geburtstag zu einer neuen Hong Kong Experience wurde zu verwandeln.
Der Freitag kam und mit ihm auch der Tag an dem unser philippinisches Abenteuer beginnen sollte. Während ich so meinen Rucksack (!) packte und kurz darauf das Apartment verließ wurde mir mulmig. Ich brauchte die gesamten 15 Minuten von mir bis zu Ella, um herauszufinden, warum. Ich hatte Ella und Wendy die komplette Organisation überlassen. Wendy und Jake waren schon am Mittwoch zuvor geflogen und wir wollten uns mit Wendy abends im Hostel treffen. Und ich hatte mich doch tatsächlich von Ellas kontinuierlichem „Ich rede gerade mit Wendy und sie und Jake haben schon total viele super Pläne.“ dazu verleiten lassen die Zügel aus der Hand zu geben. Pia on the Philippines… NOT in control. Ob das wohl gut gehen konnte? Etwas verunsichert hüpfte die normale Pia also von einem Fuß auf den anderen und entschied sich schließlich, zumindest vorübergehend Hong Kong Pia auf die Schulter zu tippen, die sich immer noch sauer die Wange rieb, letztendlich aber doch gerne wieder dazu bereit erklärte den nächsten Abschnitt des Staffellaufs zu übernehmen.
Aufgeregt, nur mit dem Nötigsten bepackt und komplett blauäugig fanden wir uns nach zwei Stunden Flug auf den Philippinen wieder. Der nette Pilot hatte uns darüber aufgeklärt, dass es keine Zeitverschiebung, stattdessen aber gutes Wetter geben würde. Weder nach diesen, noch nach anderen unwichtigen Informationen wie „Was haben die Philippinos eigentlich für ne Währung?“, „Wie ist da eigentlich der Wechselkurs?“, „Was sprechen die eigentlich für ne Sprache?“ oder „Huch, die benutzen ja gar keine chinesischen Zeichen.“ hatten wir Tante Google vorher befragt. Aber NOCH präsentierten sich uns die Informationen auf dem Silbertablett. Der Geldautomat spuckte philippinische Pesos aus und die Bank direkt daneben verriet einen Wechselkurs von 1 Euro zu 64 Pesos.
Nachdem wir uns diebisch über einen neuen Stempel in unseren Reisepässen gefreut hatten und das erste was ich von einem philippinischen Menschen zu hören bekam ein „nice hair Miss“ von einer Informationstante am Flughafen war, die uns netterweise auch noch eine Straßenkarte von Manila gab, kamen wir nach einer guten Stunde Taxifahrt, für umgerechnet 8 Euro, an unserem vorher im Internet gebuchten Hostel an. Sofort entschloss ich mich a) wieder das Ruder über meinen Kopf zu übernehmen und Hong Kong Pia aus sicherheitstechnischen Gründen irgendwo ganz weit weg anzuketten und zu knebeln und b) jegliche Vergleiche mit Hong Kong -, oder geschweige denn deutschen Standards von vorne herein zu unterlassen. Ich schluckte drei Mal und machte mich bereit für die erste von-Hostel-zu-Hostel -Backpacktour meines Lebens.
Die eigentliche Odyssee begann direkt nach unserer Ankunft. Es war Ella leider nicht gelungen online dasselbe Hostel zu buchen, wie Wendy. Auf mein durch die fortgeschrittene Uhrzeit verursachtes „Dann ruf sie doch eben an oder schreib ihr eine Nachricht, dass wir sie morgen irgendwo treffen!“, eröffnete mir Ella, dass weder sie, noch Wendy oder Jake ihre Handys zu ihrem Gepäck zählten. „Ich hätte nicht gedacht, dass die hier funktionieren!“ Spätestens an diesem Punkt hätte mir der weitere Verlauf unseres Kurzurlaubes klar sein müssen. Ja Ella, es gibt sogar schon elektrisches Licht auf den Philippinen.
Zum Glück hatte unser Hostel einen Computer, der für 32 Pesos pro Stunde zur Verfügung stand und auf mein Drängen hin hinterließen wir Wendy und Jake auf Facebook.com eine Nachricht in der wir zwei verschiedene Treffpunkte für den kommenden Tag vorschlugen.
Am nächsten Tag packten wir unsere sieben Sachen und nahmen das nächste Taxi zu Wendy und Jakes Hostel, indem wir die zwei auch tatsächlich antrafen. Nicht nur mir schien ein Steinbruch vom Herzen zu fallen. Wir checkten ein, bezahlten für eine Nacht unglaubliche 5 Euro und begannen die Planungen, die, entgegen meinen Annahmen mitnichten im Vorhinein stattgefunden hatten.
Für den ersten Tag war ein Tagesausflug geplant, da Jake bereits am Sonntag nach Hause fliegen und Wendy mit uns bis Donnerstag bleiben würde. Nach ca. 2,5 Stunden Herumfrage-, Herumlaufe- und Smogatmerei saßen wir endlich im Bus Richtung Tagatay: dem kleinsten aktiven Vulkan der Welt. (Persönliche Randnotiz: Manila: noch unattraktiver als Athen, sprich: furchtbare Stadt!)
Nach zwei Stunden erreichten wir endlich Tagatay und wechselten von Bus zu Tricicle, einer mörderisch provisorischen Konstruktion eines Motorrollers mit angeschweißtem Beifahrerwägelchen. Unter Stoßgebeten und eindringlichen Beteuerungen von mir an mich, dass diese Leute diese Gefährte jeden Tag fahren und Passagiere die ungewöhnliche Beförderung jeden Tag zu Massen überleben, schaffte ich zusammen mit den anderen auch die nächste halbe Stunde und damit vorvorletzte Etappe auf dem Weg zum Vulkan. Eine halbe Stunde holpriges Bergauf und –ab hatte uns zu einem See gebracht an dem wir eine noch provisorischere Bretterkonstruktion bestiegen, die man mit viel Euphorie und gutem Willen als Boot hätte betiteln können. Mit oder ohne Titel brachte und die mit einem Außenbootmotor ausgestattete Bretterkreation wohlbehalten an den Fuß des Vulkans. Dort teilte man uns mit, dass es für einen Fußmarsch hoch zum Krater bereits zu spät sei, da es bald dunkel werden würde. Stattdessen könnten wir aber gerne Pferde mieten, Führer inklusive. Ich, Feuer und Flamme im Angesicht einer Chance endlich mal wieder ein Pferd zu besteigen vollführte innerlich einen Stepptanz, der Fred Astaire im Rain hätte singing lassen und die Entscheidung fiel für die Pferdetour.
Ich drehte mich herum und sah meinem grinsenden Führer entgegen, der das Pferd, auf dem ich den Vulkan bezwingen würde hinter sich herzog. Fred Astaires Regen wurde zu Hagel, schlug ihm den Schädel ein und das Gesinging verstummte schlagartig. Währe ich von dem Anblick einer abgemagerten, Brusthohen Kreatur, für dessen Betitelung als „Pferd“ man noch mehr guten Willen brauchte als für das „Boot“ zuvor nicht so geschockt gewesen, ich hätte mich über das Geräusch meines brechenden Pferdeliebhaberherzens erschrocken.
Der Ritt dauerte gute 35 Minuten und kam mir vor wie eine Ewigkeit in der Hölle. Das Pony unter mir schien jeden Moment unter der Last meines Gewichtes und meines Gewissens zusammenzubrechen. Ich hatte doch bloß einen Vulkan bezwingen wollen, nicht alle meine Prinzipien mit Füßen treten wollen. Auf der Hälfte des Weges, gerade als ich dachte es könnte nicht mehr schlimmer kommen, hüpfte dann mein Führer kurzerhand hinter mir auf den Rücken des Ponys. Zwei Menschen, ein gebrochenes Herz und die Tonnen meines Gewichtes schleppend, keuchte unser Pony, das meinen Recherchen zufolge den Namen Patricia trug, den Vulkan hinauf. Ich litt Höllenqualen, während der Trip meinem Führer sichtlich Freude bereitete und er mir ca. 5000 Mal versicherte „No, no, good horse. Strong horse, Patricia!“. Verzweifelt redete ich mir ein, dass jemand, der seinem Pferd wenigstens einen Namen gibt, zumindest doch ein wenig Respekt vor dem Tier als solches hat und es nicht nur als Nutzobjekt sieht. Eine Patricia würde doch sicherlich besser behandelt als ein „Pferd“, oder? Ein Hoffnungsschimmer?
Oben angekommen machte ich die pflichtschuldigen Fotos und war mit den Gedanken die ganze Zeit bei dem mir bevorstehenden Abwärtsritt. Irgendwie schaffte Patricia es mich und den Tyrannen von Führer zurück ins Tal zu hieven. Komischerweise waren die Kommentare meines gut gelaunten Mitreiters von „good horse Patricia“ auf dem Rückweg in ein „good horse, you give me tip, he? You give me tip.“ umgeschwenkt. Am liebsten hätte ich ihm sein „Tip“ um die Ohren gehauen oder in Form von Pferdenahrung an Patricia verfüttert. Statt jedoch meine Attacke durchzuführen, Patricia und alle anderen halb verhungerten Pferde der Philippinen oder der Welt zu retten, oder gleich selbst dafür zu sorgen, dass es statt Hunger und Krieg nur noch Weltfrieden auf diesem Planeten gibt, flüchtete ich feige zurück auf unser „Boot“ und ließ mich nach und nach von verschiedenen Verkehrsmitteln zurück nach Manila karren. Nachdem ein komischer Konversationszufall unter uns vier unfreiwilligen Tierquälern enthüllt hatte, dass nicht nur mein, sondern alle Pferde den seltsamen Namen Patricia getragen hatten, gab auch der letzte Hoffnungsschimmer seinen Geist auf und starb mit einem kläglichen „Zischhhhhhhhhhh“. Ich tat mein Bestes, um nicht an meinem schlechten Gewissen zu ersticken und überdachte meine Weltrettungspläne.
Nach einer Nacht im „Manila Bay Hostel“ Schlafsaal machten wir uns am nächsten Tag mitsamt unserer Rucksäcke auf den Weg von einer möglichen Informationsquelle zur nächsten. Es war Sonntag, sprich alle Internetcafés hatten ihre Pforten geschlossen und ließen uns planlos verhungern. Plan a) versprach einen himmlischen Strand auf einer entfernten Insel. Plan b) versprach einen weiteren himmlischen Strand auf einer anderen Insel. Plan c) erzählte von berühmten Reis-Terrassen, die zu den Weltwundern zählten. Informationen zu dem „Wie hin“, „Wie wieder zurück“ oder „wohin genau“ konnten wir nur von den Reis-Terrassen sammeln. Damit war die für mich extrem frustrierende, da nur auf Mangel an Informationen basierende Entscheidung für eine sechsstündige Busfahrt Richtung „Baguio“ gefallen. Diese kleine Stadt sollte, laut einer Faltkarte der Philippinen, die mit Fotos versehen war, direkt „neben“ den Reis-Terrassen liegen.
Sechs Stunden später stiegen wir irgendwo im Nirgendwo bei Nieselregen und überraschend niedrigen Gänsehauttemperaturen auf einem philippinischen Berg aus dem Bus und checkten im erstbesten Hostel ein, dem wir über den Weg liefen. Nachdem wir unsere Rucksäcke im Hostel verstaut hatten, gingen wir, nicht unwesentlich von mir angetrieben auf Informationsjagd. Die hilfsbereiten Philippinos an der Bushaltestelle verkündeten uns auch bald die grausame Realität. Die Reis-Terrassen lagen bei einer Stadt, namens Banaue, weitere 6 stunden nördlich von Baguio. Diese neue Information nahm zumindest mir endgültig den Schleier des Abenteuers von den Augen. Ich war sauer! Wir saßen irgendwo im Nirgendwo in einer Stadt, dessen Einwohner bei dem bloßen Anblick eines Touristen in purer Faszination inmitten ihrer Bewegungen erstarrten. Scheinbar hatte es allerdings nur ich geschafft mir die Wirklichkeit vor Augen zu führen. Nicht so Ella und Wendy, die sich gegenseitig darin übertrafen sich einzureden wie „aufregend“, „spontan“ und „gar nicht so scheiße wie erwartet“ dieser Trip und diese Stadt war. Dieses Getue brachte mich dermaßen auf die Palme, dass ich während des deprimierenden Abendessens in einer provisorisch wirkenden Shoppingmall einen Versuch unternahm das Ruder herumzureißen. Unsere Zeit war limitiert, also blieb mir voraussichtlich nur dieser eine Versuch unserer Route wenigstens einen Hauch von Sinn zu geben. Mein Vorschlag: Zurück nach Manila zu fahren und von dort aus Tagestrips nach Süden zu unternehmen, von denen uns einige Taxifahrer erzählt hatten und die Strände, Lagunen, Höhlen und Wasserfälle versprachen.
Bei meinem „Wir gestehen uns ein, dass dieser Trip die Definition von „Sinnlos“ war, fahren zurück und machen das Beste aus der übrigen Zeit“-Plan hatte ich die Rechnung aber ohne den Wirt, Ella, gemacht. Diese starrte mich stattdessen vollkommen entgeistert an, fasste sich mit beiden Händen fassungslos in die Haare und schleuderte mir ein „Ich fahre auf KEINEN FALL wieder zurück nach Manila. Das wäre doch vollkommen SINNLOS!“ ins Gesicht. In meinem Kopf implodierte eine Bombe und zerstörte mein Sprachzentrum, während sich Millionen kleiner Filmchen in Oscar reifer „Best bloody murdering performance in a leading role“ - Qualität entwickelten. Also spielten wir weiter die Hauptrollen in „SINNLOS, drei Mädels in fu**ing Baguio“, bis ich (eines meiner Stoßgebete musste erhört worden sein) auf einem Streifzug durch die Mall, wir hatten ja sonst nichts zu tun, ein Internetcafé entdeckte. Nach fünf Minuten hatte mir Tante Google drei Namen von Stränden in der Gegend ausgehändigt und die Mädels waren bereit zu gehen. Diesmal war ich es, die sich fassungslos die Haare raufte. Wir saßen vor einer INFORMATIONSQUELLE und diese „Hach, es ist ja so aufregend und gar nicht so scheiße, wie wir erwartet hatten“-Freaks hatten nicht ansatzweise vor sie zu nutzen. Auf meine ungläubige Nachfrage, warum sie denn nicht weiter recherchieren und die nächsten Tage PLANEN wollten, kam nur ein „Ach, lass uns noch nicht planen.“ In Kombination mit dem Spruch den ich später für mich als Spruch des Jahres nominierte: „Es wird da schon was geben, was wir machen können.“ Richtig, ich bin auf die Philippinen geflogen, um in der Gegend herumzulaufen und mal zu gucken, was man mitten im Nirgendwo so machen kann. Hatte ich ganz vergessen. Innerlich einer nuklearen Detonation nahe gab ich auf.
Der nächste Tag brachte eine neuerliche Busfahrt gen Nordwesten, wo uns eine Stadt namens San Fernando und ein Strand namens Bauang, Long Beach, erwarten sollten. Der Busfahrer schmiss uns auf unsere Frage nach einem „nice beach“ mitten in der Pampa an der Hauptstraße raus, also folgten wir einem Schild, dass uns zu einem „Beach Resort“ bringen sollte. Hinter dem versprochenen Beach Resort stießen wir auf den „nice beach“: 3 Meter breit, von einer einladenden kackbraunen Farbe lächelte er uns entgegen und mein Kopf implodierte ein weiteres Mal, als sich Ellas und Wendys „Hey, das ist aber ein schöner Strand!“ durch meine Gehörgänge fraß und eine klebrig stinkende Spur von Selbstbetrug hinterließ. Die zwei entschieden sich dann dafür am Strand entlangzulaufen und einfach mal zu sehen, wo wir herauskommen würden. Das Resultat dieses ausgefeilten Plans war eine eineinhalbstündige Wanderung am Strand entlang, an dessen Ende wir keinen trockenen Fetzen mehr am Leib, stattdessen aber ausgereifte Sonnenbrände unser eigen nennen durften und ein Tricicle bis nach San Fernando nahmen, dass ca. weitere 3 Kilometer weiter auf uns wartete. Der Fahrer des Tricicles hatte uns von einem Strand in der Nähe erzählt, „San Juan“, was Information genug war, um uns direkt nach dem Check-in in einem neuerlichen Hostels, dazu zu veranlassen und in die Bikinis zu schmeißen und ein Jeepney (eine weitere abenteuerliche Paarung zwischen Jeep, Kleinbus und Lastwagen) Richtung San Juan zu besteigen.
San Juan: Tatsächlich ein Strand mit mehr als 3 Metern Sand, relativ klarem Wasser und Sonne. Mehr brauchte ich für den Moment nicht, um meinem explosionsgeschundenen Kopf eine Pause zu gönnen und ich stürzte mich in die Fluten, wo Ella und ich feststellten, dass Wendy nicht schwimmen, dafür aber umso besser bei jeder Welle hysterisch quietschen konnte. Randinformation: San Juan ist bekannt als Surferstrand, mit schönen SurfWELLEN!
Bei einer Erfrischungspause an einem Strandkiosk lief ich einem Australier über den Weg, der bereits seit sechs Wochen auf den Philippinen unterwegs war und sich daher auskannte. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf und ging Ellas optimistischem „Es wird da schon was geben, was wir machen können!“ nach. Auf meine Frage „Was gibt es hier denn noch so zu sehen, außer diesem Strand.“ zauberte mir das prompte „Nichts!“ das hysterischste Lächeln ins Gesicht, dass meine Gesichtszüge jemals hervorgebracht hatten. Nach ein paar Minuten sinnloser Konversation in einer sinnlosen Umgebung während eines sinnlosen Trips fiel dem Australier dann doch noch eine kleine Stadt noch weiter nördlich von San Juan ein.“Vigan“, so sagte er, sei einen 2-Stundentrip mit dem Bus wert. Es habe einen historisch spanischen Stadtkern. „Wie ein kleines Barcelona.“ versprach er.
Der Barcelona-Stadtkern entpuppte sich am nächsten Tag nach einem DREIstundentrip mit dem Bus als Aufreihung kolonial wirkender Häuser mit abgeblätterter Farbe, die allesamt mit Souvenirshops und „Please Ma’am, pleeeeeeeease“ schluchzenden Philippinos vollgestopft waren und uns nach ca. 2 Stunden (ein ausführliches Mittagessen inklusive) zurück zur Bushaltestelle trieben. Der Bus brachte uns über Nacht in mörderischem Tempo und halsbrecherischen Überholmanövern zurück nach Manila, wo wir morgens um halb fünf wieder im Manila Bay Hostel eincheckten und uns bis elf Uhr von den todesnahen Buserfahrungen erholen konnten.
Unser letzter Tag auf den Philippinen gab uns also noch eine letzte Möglichkeit Manila kennenzulernen. Wir besuchten bekannte Touristenorte, liefen durch die Gegend und gaben uns Mühe den letzten Tag sinnvoll zu nutzen. Trotz allem war und blieb Manila eine von Armut und Dreck geprägte, unglaublich unattraktive und schlicht hässliche Stadt, die ich am darauffolgenden Morgen um 5 Uhr nur zu gerne ENDLICH im Flieger sitzend verließ.
Zurück in Hong Kong versuchte ich ein Fazit zu ziehen und meine Erfahrungen zusammenzufassen. Was hatte ich mitnehmen können? Die Erfahrung, dass es uns in Deutschland unendlich gut geht, einen neuen Stempel in meinem Reisepass, die Erfahrung zum ersten Mal eine echte und in freier Wildbahn lebende Ratte zwischen den Füßen gehabt zu haben und vor allem die rot gemarkerte Randnotiz: Niemals wieder eine Backpacktour mit Ella als „Organisator“ unternehmen. Ich war nicht auf die Philippinen geflogen, um wild in der Gegend herumzulaufen, sondern um das Beste aus dem Kurztrip herauszuholen. Scheinbar waren wir mit unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen in den Flieger gestiegen. Ich nahm mir vor, vor dem nächsten Trip 1. Selbst zu planen und 2. Standpunkte auszutauschen, um ein Desaster, wie es dieser Trip ohne Zweifel gewesen war, von vorne herein auszuschließen.
Hong Kong allerdings fühlte sich an wie der Himmel auf Erden und die sechs Stockwerke zu meinem Apartment schwebte ich förmlich hinauf. Alles fühlte sich bekannt und gar nicht mehr fremd an. Sogar die Temperaturen hatten es sich scheinbar vorgenommen mir ein angenehmes Willkommen zu bereiten: angenehme 28°C ließen mich meine erste Nacht „back home“ ohne Klimaanlage und ohne Ventilator so tief schlafen wie ein Murmeltier.
Bis zur nächsten Reise ist noch ein wenig Zeit und bis dahin bietet Hong Kong noch genug Abenteuer und Schlachtfelder, die ich auch ohne Rucksack erobern kann. Quietscheentchen Attacke!